Vor der Liebe

Die Sehnsucht singt:

O du mein Stern und süßer Trost,
Du Schein von ferne, tiefer Klang
Aus Weite, wo das Glück mir wohnt, –
O Mädchen, das ich nie gesehn!

O du mein Traum und mein Begehr,
Du meine holde Zuversicht,
Noch Name nicht und doch schon Glück, –
O Mädchen, das ich nie gesehn!

O du mein Leben und mein Herz,
Du meine Sonne in der Nacht
Der allertiefsten Einsamkeit, –
O Mädchen, das ich nie gesehn!
Alte Lieder hört‘ ich heute:
Ave rosa sine spiris, –
Deine Stimme hört‘ ich, Mädchen,
Die ich niemals noch gehört.

Und ich hörte neue Lieder,
Hinter über jenen alten,
Meine Stimme, deine Stimme,
Die ich niemals noch gehört.
Rüste dich, mein Herz, und bebe
Nicht so sehr: es wird geschehen,
Daß ich ihre Nähe fühle,
Und mein Auge wird sie sehen.

Wird sie sein, wie ich sie träume?
Wird mein Hoffen jäh vergehen?
Rüste dich, mein Herz, mit Stärke,
Denn mein Auge wird sie sehen.
Alles das ist nur ein Träumen,
Und ich sollte nie erwachen:
Das wär‘ schön.

Denn der Tag hat kalte Farben,
Und die Wahrheit geht in Wolle,
Rauh und grau.

Wirklichkeit, die alte Vettel
Zückt schon ihre Klapperschere,
Und sie grinst:

Weg die bunten Seidenbänder,
Weg die langen Ringellocken,
Weg den Tand!

Und ein kurzer Krampf im Herzen,
Und das alte böse Lachen:
Siehst du wohl?
Meine armen Veilchen sind erfroren,
Liegen nun im Schnee vorm Fenster draußen,
Naß und duftlos. Meine holde Hoffnung
Ist gestorben.

Einsam weiter durch das leere Leben!
Mit erfrornen Herzen einsam weiter!
Irgendwo in einem tiefen Walde
Sink ich nieder.
Mitternacht. In weißen Kutten graben
Sich Trappisten ihre letzte Ruhstatt.
»Ave rosa sine spiris« singen
Ihre Herzen, aber ihre Lippen
Singen nicht.

»Sei gegrüßt, du rote dornenlose
Rose, reinste aller Rosen, große
Weltenrose, Jungfrau, sei gegrüßt!
Dornen haben, ach, uns wundgestochen,
Doch der Herzenswunde bittres Pochen
Hat dein Duften selig übersüßt!«

Lassen Schwunges schaufeln sie die Erde,
Bis sie Raum gewonnen ihren Leibern,
Und sie legen sich zum Sterben nieder,
Einmal noch die schmalen Lippen öffnend:
»Sei gegrüßt!«

Otto Julius Bierbaum

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